Prosa-Texte
Neue Wege 04.07.2012 Zerbrochen                          09.04.2012 Sieg der Straße 17.10.2011 Der unsichtbare Vorhang 04.04.2011 Schreie in der Stille 15.10.2010 Angst 17.06.2010 Erwachen 11.06.2010
9.April 2012 Zerbrochen  von Lutz Sehmisch  Thomas ist schon lange wach. Es ist Ostersonntag. Die Uhr zeigt sieben. Wie in einer Endlosschleife gehen ihm immer die gleichen Gedanken durch den Kopf. Die letzten Tage waren sehr schön. Die Enkelkinder sind gewiss auch anstrengend. Ihr fröhliches Kinderlachen und die strahlenden Augen haben ihn dennoch von seinen Sorgen abgelenkt. Ein paar Stunden existierte für ihn eine heile Welt. Nun sind die Kinder wieder weg. Sofort plagen ihn wieder Schmerzen. Unruhe macht sich in ihm breit. Schließlich steht er auf. Ganz leise schleicht er sich aus dem Zimmer, damit Elke nicht aufwacht. Soll sie nur ruhig noch schlafen.  Er lässt den Tag gemächlich angehen Eine ganze Stunde braucht er im Bad. Er fühlt sich nicht gehetzt und deckt den Frühstückstisch. Von seinem Platz aus kann er den Garten sehen. Die Sonne scheint und verspricht einen schönen Tag. Ganz anders als gestern. Schnee und Eiseskälte hätten den Kindern bald die Osterfreude verhagelt. Die Kinder fanden es nicht lustig als ihr Opa meinte, dass der Osterhase wohl mit dem Motorschlitten kommen müsse, wenn er mit seinen Pfoten nicht gerade am Boden festgefroren sei. Bei dem Gedanken schmunzelt Thomas vor sich hin. Da reißt Elke ihn mit einem kurzen harschen „Morgen“ aus seinen Gedanken. Wortlos setzt sie sich und wirkt mit ihrem leeren Blick abwesend. Sie gießt sich Kaffee in ihre Tasse. Dabei bemerkt sie nicht, dass seine Tasse auch noch leer ist. Thomas ärgert sich, dass er mal wieder wie Luft behandelt wird.   Wer die beiden beobachtet, könnte meinen, dass sie über Nacht ausgewechselt wurden. Gestern waren sie noch aufgeweckt und tollten mit ihren Enkeln herum. Sie hatten alle Spaß. Jetzt sitzen sie sich schweigend gegenüber. Wortlos kaut jeder sein Brötchen. Elkes Blick ist nach unten gerichtet. Sie schaut nicht ein einziges Mal auf. Thomas ist verzweifelt. So geht das nun schon Monate lang. Gespräche kommen höchstens über völlig belangloses Zeug zu Stande. Höflichkeitsfloskeln halt.  Miteinander reden können die beiden schon seit fünf Jahren nicht mehr. Seitdem Elke in der psychiatrischen Klinik war, hat sie sich völlig zurück gezogen. Anfangs versuchte er, mit ihr zu reden und zu sagen, was er vermisst. Ungläubiges Kopfschütteln war die Antwort. Spricht er seine Vorstellungen und Gedanken aus, hört er nur „Du machst ja doch was du willst“.  Es fällt ihm schwer, ihr in die Augen zu schauen. Ist es die Angst, darin sich selbst zu sehen?  Erkennt er dann vielleicht etwas, was er nicht wahrhaben will? Er hat immer gehofft, dass seine Liebe zu Elke nicht zerbrochen ist. Doch an dieser Hoffnung nagt der Zahn der Zeit und hinterlässt schmerzhafte Bisswunden. Sein Lebensmut sinkt von Woche zu Woche. Er funktioniert. Ängste füllen immer mehr seine Tage aus. Er spürt, wenn er die Wahrheit nicht ausspricht, fühlt er sich allein und einsam. Aber wenn er sie ausspricht, wird er sicher das gleiche Gefühl haben. Und so versinkt er ohne erkennbaren Ausweg in seiner eigenen Starre.
17.Oktober 2011 Sieg der Straße von Lutz Sehmisch Thomas   steht   ängstlich   hinter   der   Gardine   am   Fenster.   Die   Straße   vor   dem   Haus   ist   voller   Menschen.   Dicht   gedrängt   halten   sie   Plakate   hoch. "Wir   wollen   hier   keine   Verbrecher"   steht   darauf.   Sprechchöre   fordern,   dass   er   wegziehen   soll.   Thomas   spürt   Gänsehaut.   Die   lauten   Rufe lassen   ihn   frieren.   Tagelang   geht   das   schon   so.   Er   traut   sich   keinen   Schritt   aus   dem   Haus.   Dabei   stehen   Tag   und   Nacht   zwei   Streifenwagen direkt vor der Haustür. Man hat ihm versichert, ihn zu beschützen. Plötzlich   ein   lautes   Klirren.   Thomas   zuckt   zusammen.   So   sieht   also   der   Polizeischutz   aus.   Aus   der   Menschenmenge   heraus   hat   jemand   einen Stein   durch   die   Fensterscheibe   geworfen.   Angst   breitet   sich   in   ihm   aus.   Durch   die   kaputte   Scheibe   hört   er   jetzt   die   Rufe   der   Menschenmasse lauter und deutlicher. Er   fragt   sich,   woher   die   Leute   von   seiner   Vergangenheit   wissen.   Irgendwo   muss   es   eine   undichte   Stelle   geben.   Er   hat   keine   Ahnung,   wer   ihn da   fertig   machen   will.   Seine   Knastzeit   war   gegen   das   hier   ein   Kinderspiel.   Zehn   Jahre   Freiheitsentzug   hat   er   bis   auf   den   letzten   Tag   verbüßt. Dabei   hatte   er   noch   Glück,   dass   das   Gericht   keine   weiteren   Maßnahmen   angeordnet   hatte.   Denkbar   wäre   es   gewesen.   Immerhin   hatte   der Gutachter damals von einer Gefahr für die Allgemeinheit gesprochen. Sein handeln zeige tendenziell Amokmerkmale auf. Er   befand   sich   in   einer   tiefen   Lebenskrise,   hatte   sich   das   Leben   nehmen   wollen   und   war   psychisch   erkrankt.   Für   seinen   Arbeitgeber   zählte nur   Leistung.   Menschlichkeit   und   Fürsorge   waren   Fremdworte.   Er   wurde   gefeuert.   In   blinder   Wut   stürzte   er   in   sein   Auto   und   raste   davon.   Er konnte   nicht   mehr   klar   denken,   fühlte   sich   leer   und   ohne   jegliche   Kontrolle   über   sich.   Als   plötzlich   vor   dem   Auto   sein   Chef   auftauchte, drehte   er   durch,   gab   Gas   und   hielt   auf   ihn   zu.   Dass   dieser   in   einer   großen   Menschengruppe   lief,   hatte   er   nicht   wahrgenommen.   Sein   Chef verstarb   noch   am   Unfallort.   Viele   Unbeteiligte   wurden   schwer   verletzt.   Das   Geschehen   konnte   er   im   Gefängnis   in   einer   Therapie   aufarbeiten. Heute   tut   es   ihm   leid.   Für   seine   Schuld   hat   er   zehn   lange   Jahre   hinter   dicken   Gefängnismauern   verbracht   und   gebüßt.   Er   hat   alles   verloren. Die   Familie   will   nichts   mehr   von   ihm   wissen,   hat   ihn   verstoßen.   Weil   er   auch   keine   Bleibe   mehr   hatte,   hat   die   Therapeutin   gemeinsam   mit den Behörden ihm diese Wohnung hier besorgt. Und nun wollte er nach seiner Entlassung hier in ein neues Leben starten. Sein   Handy   klingelt   und   reißt   ihn   aus   den   Gedanken.   Auf   dem   Display   sieht   er   die   Nummer   seiner   Therapeutin.   Sie   sagt   ihm,   dass   sie   vor seiner   Tür   stehe   und   bittet   ihn   zu   öffnen.   Er   folgt   ihrer   Bitte.   Sie   ist   der   einzige   Mensch,   dem   er   noch   vertraut.   "Hallo   Thomas,   dürfen   wir reinkommen?"   Sie   ist   in   Begleitung   eines   ihm   unbekannten   Mannes.   Er   will   höflich   sein   und   lässt   sie   wortlos   in   seine   Wohnung.   Sie   nimmt im   Sessel   Platz   und   will   wissen,   wie   es   ihm   geht.   "Beschissen   ist   noch   geprahlt."   poltert   er   los.   "Sie   sehen   doch,   was   da   draußen   los   ist."   Er reißt   dabei   seinen   Arm   hoch   und   zeigt   mit   dem   Finger   in   Richtung   Fenster.   Sein   Gesicht   zeigt   Zornesröte.   Mit   lauter   zitternder   Stimme   wirft er   ihr   vor,   dass   all   ihre   Bemühungen   um   ihn   für   die   Katz   seien.   "Es   ist   schlimmer   als   im   Knast.   Dort   wollte   mich   wenigstens   keiner umbringen.   Hier   fliegen   Steine!   Was   ist   das   für   ein   Scheißleben?   Wo   ist   die   Freiheit,   die   sie   mir   versprochen   haben?"   Er   ist   außer   sich   vor Wut.   Doch   er   bekommt   von   der   Therapeutin   keine   Antwort   auf   seine   Vorwürfe.   Ohne   Umschweife   stellt   sie   Thomas   den   Mann   vor,   der   sie begleitet.   Er   ist   ein   hoher   Beamter   des   Innen-ministeriums.   Thomas   ahnt   nichts   Gutes.   Sie   machen   ihm   klar,   dass   die   Lage   sich   inzwischen so verschärft hat, dass wohl nur noch ein Wegzug  als Lösung in Frage käme. Thomas   ist   gekränkt.   "Warum   werde   ich   schon   wieder   bestraft?",   schreit   er.   "Ich   habe   die   Strafe   abgesessen,   die   das   Gesetz   für   meine   Tat vorgesehen   hat!   Soll   ich   jetzt   von   Stadt   zu   Stadt   gehetzt   werden?   Das   ist   Selbstjustiz   und   auch   strafbar.   Dürfen   sich   die   da   draußen   etwa ungestraft über das Gesetz hinwegzusetzen?" Thomas   redet   sich   schon   wieder   in   Rage.   Die   Therapeutin   sieht   die   Gefahr,   dass   er   erneut   in   eine   Amoksituation   hineinrutschen   könnte. Behutsam   versucht   sie   mit   ihrer   Begleitung   weiter,   ihn   von   einem   Wegzug   zu   überzeugen.   Sie   weiß   wie   es   in   ihm   aussieht.   Doch   sie   sieht keine   andere   Lösung   um   erst   einmal   Ruhe   und   Entspannung   in   die   Situation   zu   bekommen.   Erst   dann   kann   sie   mit   ihm   wieder   vernünftig arbeiten. Für   ihn   bricht   aber   wieder   einmal   ein   Kartenhaus   zusammen.   Er   resigniert   und   gibt   auf.   Er   fühlt   sich   gefangen   und   gejagt,   ohne   Recht   auf ein Leben mit seiner Schuld aber in Freiheit. Er ist überzeugt, dass es auch an seinem nächsten Ort wieder einen Sieg der Straße geben wird.
4.April 2011 Der unsichtbare Vorhang Es   ist   Freitag   Morgen.   Der   Tag   beginnt   zu   erwachen.   Ich   habe   heute   einen   langen   Weg   vor   mir.   Aber   die   8   bis   9   Stunden   Fahrt   auf   der Autobahn   schrecken   mich   nicht   ab.   Erwartungsvoll   lasse   ich   den   Tag   beginnen.   Besonders   freue   mich   schon   auf   Norman`s   Gesicht,   wenn   ich unangemeldet   vor   ihm   stehe.   Er   rechnet   bestimmt   nicht   damit,   dass   ich   selbst   ihn   an   seinem   30.   Geburtstag   in   den   Arm   nehme.   Mir   ist   es aber   sehr   wichtig.   Ich   bin   stolz   auf   ihn   und   möchte   ihm   dies   auch   zeigen,   ihn   wertschätzen.   Wie   sehr   wünschte   ich   mir   selbst   eine   solche Anerkennung durch meinen Vater. Die   Autobahn   zieht   sich   lang   hin.   Ich   komme   erstaunlich   gut   voran.   Am   Autohof   Schnaittach   mache   ich   den   ersten   größeren   Stopp   und   tanke nach. Bis hierher ließ ich die Landschaft fast gedankenlos an mir vorbeiziehen. Ich   fahre   weiter.   Mein   Kopf   ist   auf   einmal   gar   nicht   mehr   so   leer.   Der   Verkehr   hat   zugenommen.   Ich   habe   nun   auch   keinen   Blick   mehr   für   die Landschaft,   nehme   nicht   mehr   wahr,   ob   sie   schön   ist   oder   nicht.   Ich   habe   das   Gefühl   wieder   im   echten   Leben   angekommen   zu   sein.   Von hinten   drängeln   tief   fliegende   Luxuskarossen   heran   und   drängeln   mich   regelrecht   weg.   Ich   fühle   mich   unsicher   und   ärgere   mich   über   solche rücksichtslosen    Chaoten.    Fahrspuren    werden    urplötzlich    ohne    vorherige    Blinkanzeige    wie    wild    hin    und    her    gewechselt.    Gefährliche Bremsmanöver   folgen.   Es   ist   einfach   nur   Wahnsinn.   Es   strengt   mich   an.   Die   Muskeln   flattern   heftig,   wie   im   Wind.   Das   Herz   schmerzt.   Jetzt muss   ich   öfter   kleinere   Pausen   einlegen.   Die   Kraft   lässt   merklich   nach.   Die   Symptome   lassen   meine   Gedanken   schweifen.   Ich   fühle   mich   im Moment   genauso,   wie   schon   in   den   letzten   Wochen.   Gehetzt   und   getrieben.   Angstgefühle   und   Panik   machen   sich   breit.   Ich   habe   das   Gefühl dem   Druck   nicht   standhalten   zu   können.   So   macht   mir   das   Leben   keinen   Spaß.   Das   muss   sich   unbedingt   ändern.   Aber   wie?   Bis   jetzt   gelang mir das immer nur mit Flucht. Mir gefällt es auch nicht, dass Bekannte und Nachbarn erzählen, ich sei  "d u" - dauernd unterwegs. 20    Km    noch    bis    zum    Grenzübergang.    Meine    innere    Unruhe    steigt.    Ich    bin    nervös.    Dabei    habe    ich    überhaupt    keinen    Grund    dazu. Zollbestimmungen habe ich eingehalten, Papiere und Fahrzeug sind in Ordnung. Vor   mir   erscheint   das   Schild   "Zollabfertigung   800   m".   Verkehrsschilder   geben   vor,   die   Geschwindigkeit   zu   drosseln,   80   …   60   …   40   …   .   Da   ist schon    das    Ende    der    Autoschlange    ran.    Ich    bin    verdutzt.    Bisher    habe    ich    hier    noch    nie    stehen    müssen.    Vorne    sehe    ich    schon    die Grenzbeamten   die   Autoreihe   entlang   schreiten.   In   jedes   Fahrzeug   schauen   sie   durch   die   Scheiben   hinein,   verlangen   die   Papiere.   Sie schauen,   prüfen   und   gehen   weiter.   Plötzlich   hören   sie   auf.   Einer   hebt   den   Arm   -   wahrscheinlich   der   Truppführer   -   und   winkt   mit   dem   Arm   in Fahrtrichtung.    Kein    einziges    Fahrzeug    mehr    wird    kontrolliert.    Die    Kolonne    setzt    sich    in    Bewegung    und    rollt    ungehindert    durch    die Grenzstation. SCHICHTWECHSEL! Nun   bin   ich   auf   eidgenössischem   Boden.   Es   ist   wie   immer   eigenartig.   Als   ob   ich   durch   einen   dichten   Fadenvorhang   hindurch   gefahren   wäre. Alle   Sorgen   sind   abgestreift,   in   den   Fäden   hängen   geblieben.   Keiner   schubst   und   drängelt   mehr.   Alles   geht   in   Ruhe   und   Gemächlichkeit voran. Ich fahre auf der Stadtautobahn durch Basel, viele Brücken und Tunnel passiere ich. Hier rast niemand. Hinter   der   Stadt   tauchen   rechts   und   links   die   Berge   auf.   Ich   bin   von   dem   Bild   fasziniert.   Die   Landschaft   ist   satt   grün.   Sie   sieht   erholt   und gesund   aus,   wirkt   beruhigend   auf   meine   Seele.   Kilometerlange   Tunnel   durch   die   Berge   folgen.   Ich   tauche   in   die   gespenstischen   Röhren   ein und   hab   das   Gefühl   durch   sternenklare   Nacht   zu   fahren.   Ich   fühle   mich   sicher   und   befreit.   Alles   läuft   ganz   ruhig.   Ich   gleite   geräuschlos   unter die riesigen Bergketten hindurch auf die andere Seite. An   das   Tageslicht   wieder   zurückgekehrt,   scheinen   die   sattgrünen   Berghänge,   die   strahlende   Sonne   und   die   weißen   Wolken   am   Himmel   noch fantastischer   als   zuvor.   Alle   Anstrengung   ist   wie   weggewischt.   Ich   fühle   mich   immer   ruhiger   und   ausgeglichener.   Kann   das   überhaupt   sein? Ich   frage   mich   jedes   Mal   von   Neuem,   was   es   wohl   Besonderes   in   der   Schweiz   ist,   solch   ein   beeindruckendes   Gefühl   zu   erleben.   Ich   habe   es noch nicht herausgefunden. Es   ist   ein   Lebensgefühl,   was   dort   erwacht.   Es   ist   nicht   nur   die   nahe   Familie.   Alle   Menschen   sind   dort   freundlich   zu   einander   und   viel   offener als   in   Deutschland.   Ich   gehe   durch   die   Straßen   der   Dörfer   und   Städte   und   hab   das   Gefühl   wahrgenommen   zu   werden.   Ich   werde   so   oft gegrüßt,   als   ob   ich   schon   ewig   da   wäre   und   mich   jeder   kennt.   Ich   fühle   mich   immer   wieder   geborgen,   geachtet,   einfach   zufrieden   und glücklich. Es dauert nur 2-3 Tage und alle meine psychosomatischen Beschwerden sind wie weggeblasen. Bis   zum   Tag   vor   meiner   Heimreise.   Der   Weg   zurück   bis   zur   Grenze   ist   jedes   Mal   ein   Stück   schmerzvoller   Abschied.   Dann   tauche   ich   wieder   in den Fadenvorhang ein und kaum auf deutschem Boden hat mich die hektische und zermürbende Welt wieder ein.       
15.Oktober 2010 Schreie in der Stille Der   Spaziergang   allein   über   Feld   und   Flur,   durch   den   Wald   und   zu   dem   kleinen   abgelegenen   See   hat   auf   Uwe   eine   beruhigende   Wirkung.   Die Sonne   wärmt   sein   Gesicht   und   das   Herz,   er   hört   dem   Säuseln   des   Windes   in   den   Baumwipfeln   zu.   Die   Vögel   scheinen   ihm   von   der   Freiheit   in ihrem   Leben   zu   erzählen.   Gespannt   lauscht   er   der   Natur   und   saugt   sie   in   sich   auf.   Er   genießt   in   letzter   Zeit   immer   öfter   diese   Zeit   ohne Großstadtlärm, ohne Autoabgase, ohne Hast und Druck. Einfach nur Ruhe. Am   See   angekommen   nimmt   er   auf   der   Bank   am   Ufer   Platz   und   schaut   über   die   spiegelnde   Wasseroberfläche   in   die   Ferne.   Er   versinkt   in Gedanken. Hier   ist   es   so   schön   ruhig,   aber   wie   ist   es   zu   Hause?   Klappert   dort   das   Geschirr   im   Schrank,   wenn   schwere   LKW   am   Haus   vorbeidonnern?   Sind die Räume von lauter Musik erfüllt? Oder ist ständig irgendwelcher Besuch da, der ihn voll quasselt? Nein,   all   das   ist   auch   dort   nicht.   Ganz   im   Gegenteil,   er   nimmt   dort   sogar   mehr   als   Ruhe   war.   Stille,   manchmal   sogar   Totenstille.   Nur   das Tacken der Wanduhr ist zu hören,… wird immer lauter. Tack … tack … tack. Mit   Grauen   denkt   er   daran.   Zu   gern   würde   er   diese   Stille   zerreißen.   Aber   es   gelingt   ihm   einfach   nicht.   Traurig   denkt   er   zurück,   was   er   schon alles unternommen hat, um mit seiner Frau wieder auf eine Ebene zu kommen. Ihm   wird   immer   klarer,   dass   er   an   seiner   Situation   nur   selbst   etwas   ändern   kann.   Darauf   zu   hoffen,   dass   sie   sich   ändert,   wird   wohl   vergebens sein. Doch   wenn   die   Ehebeziehung   weiter   Bestand   haben   soll,   bedarf   es   tiefen   Vertrauens   von   ihm.   Und   damit   hat   er   ja   schon   immer   so   seine Probleme. Er fragt sich, wie es wohl ihr ergeht. Jetzt wo sie nach 25 Jahren Ehe quasi häppchenweise Details aus seinem früheren Leben erfährt. Es   werden   immer   mehr   Bilder,   die   aus   dieser   Zeit   in   ihm   hochkommen.   Sie   werden   schärfer   und   wühlen   ihn   so   sehr   auf,   dass   ihm   mal   wieder die    Tränen    kommen.    Schon    viele    Tage    hat    er    nur    geweint.    Gerade    in    den    letzten    Tagen    passierte    es    wieder    häufiger.    20    Jahre Wiedervereinigung haben auch immer etwas mit der Stasi in der DDR zu tun. Wie oft musste er schon erleben, dass seine Frau weder die dargestellten Machenschaften noch ihn verstand. Wie   sollte   sie   auch,   wenn   er   ihr   nie   aus   seinem   Leben,   von   seinen   leidvollen   Erfahrungen   erzählen   konnte.   Vergraben   hatte   er   die   Gefühle,   zu tief sind die Wunden, zu groß der Schmerz. Auch jetzt auf der Bank erfüllt ihn wieder ein inneres zittern. Hitzewallungen treiben kalte Schweißperlen auf die Stirn. Große    Träume    hatte    er    damals    als    Neunzehnjähriger.    Voller    Tatendrang    wollte    er    mitmischen,    wenn    sich    die    Menschen    und    ihre Lebensbedingungen   weiter   entwickeln.   Während   seiner   Dienstzeit   bei   der   Armee   hatte   er   dabei   aber   mit   seinen   damaligen   Genossen gestritten,   hatte   Ihnen   öffentlich   widersprochen.   Er   wurde   kalt   gestellt   und   abserviert.   In   seiner   Wut   und   seinem   Zorn   darüber   trank   er   sich eines Tages Mut an und zerstörte mit einem Großfeuer Gebäude und Fahrzeugpark seiner Dienststelle. Fast   4   Wochen   konnte   er   sich   den   Häschern   der   Staatssicherheit   entziehen.   2   Tage   vor   seinem   20.   Geburtstag   dann   die   Festnahme.   Das   erste Verhör, 20 Stunden lang bis tief in die Nacht, bis er nicht mehr konnte, um Schlaf winselte. Es folgen Bilder der Erinnerung an die Einlieferung in die Haftanstalt des MfS in Leipzig. Die Handgelenke schmerzen von den Ketten. Obwohl   er   tot   müde   und   entkräftet   war,   musste   er   die   ganze   Prozedur   über   sich   ergehen   lassen.   Nackt   stand   er   in   der   Zelle   vor   den Wächtern.   "Arme   hoch,   Beine   breit"   hörte   er   den   einen   brüllen.   Ein   Händepaar   fuhr   von   vorn   und   hinten   über   jeden   Zentimeter   seines Körpers.   Es   war   so   demütigend.   "Bücken"   raunzte   es   wieder   in   lautem   Befehlston.   Und   noch   heute   spürt   er   den   Schmerz   als   dann   sein   Anus auf verbotene Gegenstände kontrolliert wurde. Dann   bekam   er   Haftkleidung   zugeworfen,   wurde   wie   ein   Schwerstverbrecher   erkennungsdienstlich   registriert   und   endlich   zu   seiner   Zelle geführt. Die dicken Mauern, das Knallen der Zellentüren, das Rasseln der Schlüssel an den Gittern wird er nie in seinem Leben vergessen. Einsam   und   verlassen   musste   er   lange   Zeit   in   einer   fensterlosen   Zelle   tagsüber   nur   stehend   verbringen.   Wenn   man   ihn   dann   mal   nachts schlafen   ließ,   durfte   er   nur   auf   dem   Rücken   liegen.   Spurte   er   nicht,   gab`s   Schläge,   Leseverbot,   Kontaktverbot   zu   jedermann.   Auch   der   sonst einmal    wöchentliche    Hofgang    wurde    ihm    des    öfteren    gestrichen.    Es    folgten    unendliche    Nachtvernehmungen.    Bis    sein    Wille    endgültig gebrochen   war.   Das   Leben   in   dieser   Haftanstalt   war   menschenunwürdig.   Die   ganzen   Jahre   hat   er   sich   immer   schuldig   gefühlt.   Er   war   es   doch der aufbegehrte, straffällig wurde und damit auch die Schuld trug für das was ihm widerfuhr. Erst   vor   ein   paar   Wochen   hat   er   es   geschafft,   dieses   Haus   wieder   zu   betreten.   Es   war   das   erste   Mal   wo   auch   seine   ihn   begleitende   Frau begriffen hat, wie es ihm ergangen sein muss. Doch die Folgen sind für die Meisten um ihn herum nicht zu verstehen, nicht zu begreifen. 30   Jahre   lang   hat   er   sich   mit   niemandem   darüber   austauschen   können.   Zu   sehr   war   seine   Seele   verletzt.   Zu   groß   waren   die   Peinigungen   und Lebenseinschränkungen,   die   man   ihm   auch   nach   der   Haftentlassung   antat.   Er   durfte   seinen   Aufenthaltsort   nicht   selbst   bestimmen,   hatte keinen   Ausweis,   durfte   in   den   ersten   Jahren   nach   der   Haft   nicht   reisen,   nicht   mal   innerhalb   der   DDR.   Er   wurde   rund   um   die   Uhr   überwacht, abgehört,   beschattet.   Er   lebte   in   ständiger   Angst   und   ahnte   doch   nicht,   wie   dicht   diese   Leute   an   ihm   dran   waren.   Viele   Jahre   später   erfuhr   er aus den Akten, dass sogar seine erste Ehefrau IM des MfS war. Der Schock fürs Leben. Nie mehr sollte irgend jemand ihn nochmals der Art erniedrigen und kontrollieren können. Vertrauen   hatte   er   in   diesem   Punkt   zu   keinem   einzigen   Menschen   mehr   aufgebaut.   Und   so   blieb   ihm   in   seiner   Ausweglosigkeit   nur   die Rückkehr zu seinem in den Kinderjahren gelernten Verhaltensmuster. Zu groß war die Schuld, die er sich selbst auflud. Er   glaubte   nur   durch   überragende   Leistungen,   könnte   er   sich   solch   einen   Stand   im   Leben   erarbeiten,   dass   er   wieder   geliebt,   anerkannt   und erfolgreich ist. Das   schien   auch   viele,   viele   Jahre   funktioniert   zu   haben.   Er   hat   funktioniert   und   dabei   sich   selbst   verloren.   Er   hat   keine   eigene   Identität mehr,   hat   sich   nur   durch   Leistung   definiert.   So   sehr,   dass   er   darüber   sehr   krank   geworden   ist.   Sein   Leben   kann   und   will   er   so   nicht   mehr weiterführen. Eine   Möglichkeit,   die   ihm   auch   sehr   oft   in   den   Kopf   kommt,   besteht   darin,   seinem   Leben   ein   Ende   zu   setzen,   zu   kapitulieren.   Doch   was   ist dann mit dem Rebellen aus der Jugendzeit? Die andere Möglichkeit wäre, zu versuchen, zu seinem eigen ICH vorzudringen. Wieder  selbst zu sein und glücklich zu werden. Doch   die   ersten   Schritte   auf   diesem   Weg   lassen   ihn   oft   wanken   und   immer   wieder   stehen   bleiben.   Vor   allem   seine   treue   Wegbegleiterin,   die ihm geholfen hat, da hinzukommen wo er jetzt ist, glaubt ihn jetzt nicht wieder zu erkennen. Sie behauptet er sei anders geworden. "NEIN,   verdammt   noch   mal!"   schreit   Uwe   jetzt   auf   seiner   Bank   laut   hinaus.   "Ich   will   doch   nur   wieder   ich   selbst   sein."   "Warum   verschiebt   sich jetzt   alles   so   sehr,   dass   ich   ausgerechnet   dem   Menschen,   den   ich   am   meisten   liebe,   nun   am   meisten   weh   tue?",   kreist   es   ihm   durch   den   Kopf. Kraftlos sinken seine Arme nach unten. Und sein Hilfeschrei verhallt in der Stille.
17.Juni 2010 Angst   Lutz   sitzt   gedankenverloren,   teilweise   grübelnd   auf   der   Couch.   Sein   Blick   ist   leer   und   die   Stationsschwester   hat   das   Gefühl,   dass   er   durch   sie hindurch schaut. Sein   Klinikaufenthalt   neigt   sich   dem   Ende   zu   und   ihm   ist   ganz   mulmig   vor   dem,   was   ihn   nun   zu   Hause   und   dann   später   auf   Arbeit   erwarten wird.   Wie   wird   er   wohl   aufgenommen   werden?   Ist   man   offen   zu   ihm?   Und   vor   allem,   welchen   Belastungen   kann   er   noch   standhalten?   Es   wird nichts mehr so sein, wie vor seiner Klinikeinweisung. Erst   vorige   Woche   ist   er   zum   x-ten   Mal   in   ein   tiefes   Loch   gestürzt.   Wieder   einmal   hatte   er   das   Gefühl,   dass   sein   Haus   von   der   Zukunft   schon im   Rohbau   eingestürzt   war.   Was   machte   es   da   noch   für   einen   Sinn   weiter   zu   machen?   Es   war   so   schwer   für   ihn   in   dieser   Welt   bestehen   zu können   und   er   sah   auch   kein   Ziel   mehr.   Voller   Verzweiflung   setzte   er   sich   in   sein   Auto   und   raste   völlig   sinn-   und   ziellos   davon.   Unterwegs überkam   ihn   immer   mehr   der   Wunsch,   das   Auto   gegen   einen   der   zahlreichen   Bäume   zu   steuern.   Nur   der   Gedanke,   dass   dann   das   Auto   völlig zertrümmert wäre und sein Sohn es nicht mehr gebrauchen könnte, ließ ihn dann von diesem Gefühlssturm ab. Tage   danach   wurde   er   dann   richtig   heftig   wachgerüttelt.   Immer   wenn   er   Kritik   höre,   die   sein   Bild   von   der   Welt,   von   seinem   Leben   mehr   oder weniger   heftig   erschüttert,   dann   reagiere   er   genau   mit   solchen   Gedanken,   die   schon   Tendenzen   zum   Amoklauf   zeigen   würden.   Ob   es   nun eine   wilde   Autofahrt   sei,   bei   der   er   fast   seine   Oberärztin   über   den   Haufen   gefahren   hätte,   oder   er   zündet   etwas   an.   Das   hat   gesessen   und   er war völlig geschockt. Und   so   richtig   erholt   hat   er   sich   immer   noch   nicht   davon.   Jetzt   wo   er   so   in   Gedanken   versunken   der   Klinikentlassung   entgegen   sieht,   fallen ihm   noch   viel   mehr   solcher   Episoden   in   seinem   Leben   ein.   Ob   es   sein   Klinikaufenthalt   in   der   Psychiatrie   als   13-jähriger   war,   das   Feuer, welches   er   als   19-jähriger   legte,   seine   beiden   Suizidversuche   im   Alter   von   25   Jahren   oder   jetzt   sein   zerstörerisches   Verhalten   in   der Maltherapie als er die Werke der Anderen einfach übermalte und nicht zuletzt die Autofahrt vorige Woche. Tendenzen   zum   Amoklauf   !   So   hat   er   es   bis   jetzt   noch   nie   gesehen.   Und   zum   ersten   Mal   in   seinem   Leben   kann   er   sich   in   die   Lage   von Amokläufern   versetzen,   über   deren   Taten   immer   wieder   in   den   Medien   berichtet   wird.   Bislang   hat   er   immer   gedacht,   wie   kaputt   müssen   die sein,   wie   kann   man   nur   ....      Jetzt   bekommt   er   durch   seine   eigene   Geschichte   eine   ganz   leise   Ahnung   davon,   wie   schnell   Menschen   in   solche für sie nicht mehr beherrschbaren Situationen kommen können und wie verzweifelt sie wohl sein mögen. ...   und   da   ist   sie   wieder,   seine   unbändige   Angst   vor   sich   selbst,   die   ihn   schon   vor   2   Jahren   selbst   hat   Hilfe   suchen   lassen.   Nur   diesmal   ist   sie viel stärker, viel mächtiger ! Ob   es   wohl   einen   Menschen   gibt,   der   ihn   und   die   anderen   vor   dieser   Gefahr   schützen   kann?   Der   soviel   Kraft   hat,   ihn   aufzufangen   und   zu halten, der zu ihm hält, egal was geschieht? In seinem Gesicht ist die pure Angst zu sehen.
Erwachen   Es   war   seit   langem   wieder   ein   langer   Winter,   kalt   und   dunkel.   Mich   friert,   wenn   ich   daran   denke,   wie   ich   durch   den   tiefen   Schnee   stapfte.   Der Weg   war   beschwerlich   und   hatte   scheinbar   kein   Ziel   mehr.   Ich   fragte   mich   immer   öfter,   was   ich   da   überhaupt   machte.   Ich   verlor   den   Mut   und wollte, so allein und einsam wie ich mich fühlte, am liebsten in der eisigen Winterkälte liegen bleiben, sehnte mir den Tod herbei. Doch   hätte   sich   damit   etwas   geändert?   Mich   hat   es   nicht   mehr   gegeben,   genau   wie   es   mich   nicht   mehr   gäbe,   wenn   ich   tot   wäre.   Traurig   und einsam   suchte   ich   mich   selbst   und   fand   nichts.   Ich   war   zu   erschöpft,   hatte   all   meine   Kraft   im   Kampf   für   und   um   meine   Lieben   verloren.   Doch plötzlich schmolz der viele Schnee um mich herum und die Kälte wich. Es war ein angenehmes Gefühl, wieder erwärmte Luft zu atmen. Die   Natur   ist   aus   ihrem   tiefen   Winterschlaf   erwacht   und   ich   sehe   die   Knospen   sprießen,   das   Blätterdach   der   Bäume   wird   dichter   und   ich   höre die   vielen   Vögel   lustige   Liedchen   zwitschern.   Der   Wind   streicht   mir   durch   das   Haar   und   streichelt   ganz   sanft   meine   Haut.   Ganz   langsam   fühle ich   das   Erwachen,   spüre   wieder   meinen   Körper,   kann   ihn   mit   meinen   Gedanken   ertasten.   Dabei   fühle   ich   ganz   deutlich   seine   natürlichen Grenzen,   spüre   mich   durch   meine   Haut   von   der   Umwelt   abgegrenzt.   Mein   Körper   ist   nicht   fließend,   und   ist   nicht   unerschöpflich.   Ich   sehne mich   mit   meinem   Körper   nach   menschlicher   Nähe,   nach   Streicheleinheiten,   nach   Wärme.   Die   wieder   erwachenden   körperlichen   Wünsche   und Bedürfnisse lassen mich ganz langsam erahnen, was es heißt, ICH zu sein. Meine   Seele   sucht   nach   Erfüllung.   Doch   wer   bin   ich   nun   wirklich?   Wieso   bin   ich   so   wie   ich   bin?   Warum   habe   ich   Angst   vor   dem   Leben?   Warum fällt mir Abschied so schwer und wieso denke ich noch so oft an den durch meinen Tod einkehrenden Seelenfrieden? Fragen   über   Fragen   und   noch   so   viele   offene   Antworten   zeigen   mir,   dass   es   vom   erwachenden   Frühling   zum   bunten   Sommer   noch   ein   sehr langer und bestimmt nicht einfacher Weg sein wird.
Lutz Sehmisch
aus meiner Schreibfeder
© Lutz Sehmisch 2011 - 2017