Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in die Gesellschaft einbringen will, die Welt verändern will. Dabei gerät er mit dem Gesetz in Konflikt und wird von der Stasi verhaftet. Die Erfahrungen während und noch Jahre nach der Haft prägen sein weiteres Leben. Als die Grenzen der DDR fallen, scheint sich alles zu ändern, zum Positiven zu wenden. Doch die Spuren seiner Vergangenheit verfolgen ihn wie Schatten. Angst und Panik bestimmen zunehmend seinen Alltag. Die Last macht ihn krank. Einer ambulanten Psychotherapie folgt ein mehrmonatiger Klinikaufenthalt. Seine Seele trägt tiefe und schmerzhafte Wunden. Solche Verletzungen heilen nicht. Wird es ihm gelingen, aus der Hölle in das Leben zurück zu kehren? Wird er eines Tages den weiten strahlend blauen Himmel wieder wahrnehmen können und genießen? Die Zukunft wird es zeigen und das Buch wird es erzählen.
In Kurzgeschichten und Texten greife ich Dinge auf, die mich in meinem Leben berühren und beschäftigen
               Lyrik Mit Gedichten und Versen gelingt es mir, mit wenigen Worten deutlich meine Emotionen zum Ausdruck bringen
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Mit verschiedenen Texten und Gedichten nehme ich an Literatur- und Schreibwettbewerben teil
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Schattenspuren Ich   stehe   am   Fenster   und   schaue   hinaus.   Düstere   Wolken   überziehen   den   Himmel.   Es   herrscht   graues   und   schmuddeliges   Wetter.   Mich lockt   es   nicht   raus.   Ich   spüre   die   Ungemütlichkeit   und   frage   mich,   ob   das   nun   ein   gelungener   Start   ins   neue   Jahr   sein   soll.   Heute   ist   der   2. Januar   1995.   Ende   vorigen   Jahres   hatte   ich   noch   die   Hoffnung,   dass   das   neue   Jahr   nur   Gutes   bringen   wird.   Nach   drei   Jahren   Wartezeit bekam   ich   endlich   eine   Einladung   nach   Halle   zum   Gimmritzer   Damm   Nr.   4.   Unter   dieser   Adresse   fand   man   vor   sechs   Jahren   noch   das   MfS. Jetzt befindet sich dort eine Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Drei   lange   Jahre   habe   ich   gebraucht,   mich   selbst   zu   überwinden.   Einen   schweren   Kampf   habe   ich   mit   mir   selbst   ausgefochten.   Zu   tief   sind die   Wunden   meiner   Seele.   Nach   wie   vor   stellen   sich   mir   viele   Fragen   zu   den   achtziger   Jahren.   Bis   jetzt   habe   ich   nur   vage   Vorstellungen   und Vermutungen,   wer   mich   damals   überwacht   hat.   Nie   konnte   ich   belegen,   woher   die   Herren   der   Firma   Guck   und   Horch   die   intimsten   Details   aus   meinem Leben   kannten.   Die   Antworten   hoffe   ich,   in   den   Akten   der   Stasi   zu   finden.   Ich   will   den   Deckel   zu   diesem   Kapitel   meines   Lebens   zuschlagen,   abschließen können   und   Ruhe   finden.   Mit   der   Akteneinsicht   könnte   das   gelingen.   Dann   folgen   wieder   die   Zweifel,   das   Richtige   zu   tun.   Ich   könnte   zwar   erfahren,   warum und   wer   mir   die   Wunden   zugefügt   hat.   Im   selben   Moment   stellt   sich   mir   aber   die   Frage,   ob   ich   sie   damit   nicht   wieder   aufreiße.   Ich   habe   große   Angst   vor den   Schmerzen.   1992   habe   ich   mich   endlich   durchgerungen   einen   Antrag   auf   Akteneinsicht   zu   stellen.   Als   Betroffener   geht   das   problemlos.   Ich   möchte   die Antworten   auf   meine   Fragen   finden.   Der   Wunsch   nach   Rehabilitation   oder   Wiedergutmachung,   wie   bei   vielen   anderen   Antragstellern,   kommt   in   mir   nicht auf. Die   Recherche   und   Aktenaufbereitung   durch   die   Gauckbehörde   muss   so   aufwändig   gewesen   sein,   dass   es   noch   einmal   drei   Jahre   dauerte,   bis   ich   Einsicht nehmen kann. Heute   am   ersten   Arbeitstag   im   neuen   Jahr   soll   es   geschehen.   Es   beginnt   eine   neue   Woche.   Unbekanntes   und   Neues   liegen   in   der   Luft.   Es   riecht   verlockend und   frisch.   Aber   wenn   ich   dagegen   diese   graue,   stürmische   Wirklichkeit   sehe,   fröstelt   es   mich.   Ich   bin   mir   nicht   mehr   sicher,   die   erwartete   Gewissheit   zu erlangen. Es grummelt gewaltig in meinem Bauch. Gegen   halbneun   mache   ich   mich   auf   den   Weg.   Hetzen   brauche   ich   nicht.   Um   zehn   ist   der   Termin   in   Halle.   An   der   Außenstelle   der   Gauckbehörde angekommen,   stehe   ich   vor   einem   großen   Bürogebäude   aus   Stahl   und   Glas.   Es   leuchtet   rot   und   wirkt   auf   mich   übermächtig.   Es   strahlt   noch   immer beängstigend   den   Geist   seiner   einstigen   Herren   aus.   Zuvor   habe   ich   diese   Gegend   noch   nie   gesehen.   Je   mehr   ich   mich   dem   Eingang   nähere,   desto furchteinflößender ist die Wirkung dieses Baues. Mit   zitternden   Händen   nestele   ich   das   Einladungsschreiben   aus   der   Tasche   und   reiche   es   dem   Pförtner   durch   den   schmalen   Schlitz   in   der   Glasscheibe.   Er nickt   verständnisvoll.   Den   Personalausweis   will   er   sehen.   Es   dauert   eine   Ewigkeit,   ehe   ich   dieses   blöde   Ding   finde   und   ihm   reichen   kann.   Dann   summt   die Tür   neben   mir.   Ich   folge   der   Handbewegung   des   Mannes   hinter   der   Glasscheibe   und   betrete   den   Flur.   Ich   soll   im   Wartebereich   Platz   nehmen.   Es   komme jemand,   der   sich   um   mich   kümmern   wird.   Noch   bevor   ich   auf   einem   der   Stühle   Platz   nehmen   kann,   drängt   sich   mir   so   ein   ganz   eigenartiger   Geruch   in   die Nase.   Ich   rieche   noch   einmal   bewusst.   Jetzt   erinnere   ich   mich!   Es   ist   der   gleiche   muffige   Geruch,   den   ich   schon   damals   bei   meiner   Verhaftung   in   der sogenannten   Leipziger   Runden   Ecke   wahrgenommen   habe.   Ich   finde   merkwürdig,   dass   rund   sechs   Jahre   nach   dem   Ende   der   DDR   immer   noch   Stasidunst durch die Flure wabert. Der   freundliche   Klang   einer   Frauenstimme,   die   meinen   Namen   nennt,   reißt   mich   aus   den   Erinnerungen.   Gott   sei   Dank!   Ich   folge   der   Frau   durch   einen langen,   halbdunklen   Flur.   Sie   führt   mich   in   einen   größeren   Raum.   Sie   erklärt   mir,   dass   dies   der   Leseraum   sei.   Sie   bittet   mich   um   meine   Tasche   und   meine Jacke.   "Ja   aber   ich   habe   da   mein   Schreibzeug   drin."      "   Das   glaube   ich   Ihnen   gern.   Aber   aus   Sicherheitsgründen   müssen   Sie   alle   persönlichen   Gegenstände abgeben.   Es   ist   hier   in   diesem   Raum   verboten   zu   telefonieren   oder   zu   fotografieren.   Wenn   Sie   sich   Notizen   machen   möchten,   können   Sie   dies   gern   tun.   Wir haben   Ihnen   einen   Block   und   einen   Stift   am   Platz   bereitgelegt."   Mir   bleibt   nichts,   als   mich   zu   fügen.   Eine   andere   Frau   verschwindet   mit   meiner   Jacke   und der Tasche wortlos nach nebenan. Jetzt   stehe   ich   an   dem   vorbereiteten   Tisch.   Dort   liegt   nur   ein   Schreibblock   und   ein   Kugelschreiber,   parallel   zur   Tischkante   ausgerichtet.   Neben   dem   Tisch steht   ein   kleiner   Rollwagen   mit   einer   Reihe   Ordner.   Mein   Blick   schweift   durch   den   Raum.   Vier   weitere   Plätze   sehe   ich.   An   einem   sitzt   ein   älterer   Herr versunken in die Tiefe des Ordners vor ihm. Der Kopf scheint so schwer zu sein, dass er ihn mit beiden Händen aufstützen muss. Die   Frau   zeigt   auf   die   Ordner   und   spricht   ganz   leise   zu   mir.   "Dies   sind   die   aufgefundenen   Akten   zu   Ihrer   Person.   Sie   haben   jetzt   den   ganzen   Tag   bis   16   Uhr Zeit,   darin   zu   lesen.   Aus   Datenschutzgründen   mussten   alle   Namen   von   Personen,   die   mit   Ihrem   Fall   nichts   zu   tun   haben,   geschwärzt   werden.   Die Decknamen   der   IM   und   hauptberuflichen   MfS-Angehörigen   sind   aber   lesbar.   Wenn   Sie   Interesse   an   den   Klarnamen   haben,   können   Sie   einen   Antrag   auf Recherche   und   Entschlüsselung   der   Decknamen   stellen.   Das   Ergebnis   senden   wir   Ihnen   dann   per   Post   zu.   Auf   dem   bereitliegenden   Block   können   Sie   sich Notizen   zu   den   Seiten   machen,   von   denen   Sie   eine   Kopie   haben   möchte.   Wenn   Sie   zwischendurch   noch   Fragen   haben,   können   Sie   die   gern   stellen.   Ich   sitze die ganze Zeit dort vorn." Viel   war   es   ja   nicht,   was   sie   da   grad   erzählt   hat.   Aber   ich   verstehe   nur   Bahnhof.   Irgendwie   hatte   ich   mir   das   anders   vorgestellt.   Ich   sitze   jetzt   hier   vor meiner   Stasiakte   und   kann   darin   blättern   und   lesen.   Aber   bitte   schön   unter   Aufsicht,   damit   ja   nichts   fotografiert   oder   abgeschrieben   werden   kann.   Ich fühle   mich   wie   damals   im   Knast.   Wenn   ich   Besuch   empfangen   durfte,   dann   nur   unter   Aufsicht.   Automatisch   dreht   sich   mein   Kopf   Richtung   Fenster.   Genau, … was ich jetzt erblicke, rundet das Bild noch ab. Die Fenster sind vergittert! ...
Lutz Sehmisch
© Lutz Sehmisch 2011 - 2017
aus meiner Schreibfeder